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Rot(h)e Erden

von Michael Käding

"Was haben eine WDR-Fernsehserie, ein Fußballstadion in Dortmund und ein Verein schwuler Motorradfahrer gemeinsam?", fragte kürzlich die Süddeutsche Zeitung in ihrer Kolumne "ABC von NRW". Die Antwort, niemanden wird es überraschen, lautete natürlich: Rote Erde. Eine genauere Klärung des Begriffes blieb die Verfasserin dem Leser allerdings schuldig. Was nicht etwa daran lag, daß die Zeitung in München erscheint, wie böse Zungen vielleicht behaupten würden.

Tatsächlich gibt das Problemfeld um die Semantik und Etymologie des Begriffes noch immer Anlaß zu Diskussionen. Schon die Schreibweise, mal mit, mal ohne 'h' hinter dem 't', läßt eine Synthese von alter Tradition mit ganz alter Tradition vermuten. Immerhin, der Hinweis eines Verlagsmitarbeiters, "Rote Erde bedeutet nichts anderes als gerodete Erde" geht in die richtige Richtung. 'Rot(h)' leitet sich, wie auch die Nachsilben '-rat(h)',
'-rad', '-reut', '-ried' usw. in der Tat ab von 'roden' (ahd. riuten) und verweist in der Regel auf den Landesausbau im Verlauf des 12., 13. und frühen 14. Jahrhunderts, als landwirtschaftliche und technische Basisinnovationen sowie günstige klimatische Bedingungen in ganz Europa zu einem außergewöhnlichen Bevölkerungsanstieg führten, der erst durch die Pestepidemie von 1347/48 wieder einen deutlichen Einbruch erlitt.

Gerodet wurde also nicht nur in Dortmund, doch nur hier entwickelte sich der Begriff bereits im ausgehenden Mittelalter zu einem Toponym für eine ganze Region. Eine weitere Bedeutungsverschiebung setzte dann im Verlauf der industriellen Revolution ein. Seitdem wird Rot(h)e Erde quasi als Synonym für alles gebraucht, was sich irgendwie unter den durch inflationären Gebrauch bereits reichlich verwässerten Begriff der 'Industriekultur' subsumieren läßt. Rot(h)e Erde wird unter anderem in Verbindung gebracht mit der rötlich schimmernden Farbe des Raseneisenerzes, mit der Arbeiterbewegung, mit einer Maschinenfabrik, diversen Vereinen, der Arbeiterkampfbahn, den Motorradfahrern und nicht zuletzt mit der oben erwähnten Fernsehserie. Über den identitätsstiftenden, metaphorischen Charakter der Rot(h)en Erde scheint jedenfalls kein Zweifel zu bestehen. Doch wo manifestiert sich der Begriff in seiner aktuellen Bedeutungsvielfalt nun das erste Mal, bevor er zum populären Allgemeinplatz wurde? Oder anders gewendet: Wer war so dreist, unter Marketing-Aspekten sollte man vielleicht besser sagen: so clever, den bekannten, historisch gewachsenen Begriff erstmals für sich selbst zu reklamieren?

Es wird dem Dortmunder Lokalpatriotismus hoffentlich keinen Abbruch tun, daß die Wurzeln dieser Entwicklung nicht etwa in Westfalen zu suchen sind, sondern dort, wo die Industrialisierung Westdeutschlands ihren Ausgangspunkt hatte, nämlich in Aachen. Genau genommen beim Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde.

Das Hüttenwerk Rothe Erde in Aachen (um 1884)

Wie bitte?! - Inzwischen bedarf es für die Feststellung, daß Aachen zu den ältesten industriell geprägten Kulturlandschaften Deutschlands zählt, ja eigentlich keines besonderen Nachweises mehr. Nur der Vollständigkeit halber sei deshalb noch einmal darauf hingewiesen, daß das Umfeld der westlichsten Großstadt Deutschlands zur Mitte des 19. Jahrhunderts bereits über eine blühende Industrielandschaft verfügte, als man in Dortmund gerade erst damit anfing, mit den neuen Wirtschaftsformen des beginnenden Industriezeitalters zu experimentieren. Die Gründe für diese Entwicklung sind bekannt: Natürliche Standortvorteile wie Kohle- und Erzlagerstätten, Waldreichtum und Gewässer bildeten hier bereits im Mittelalter die Voraussetzungen zur Entstehung einer fortgeschrittenen protoindustriellen Gewerbelandschaft. Man denke in diesem Zusammenhang nur an das Eisenhüttenwesen in der Eifel, die berühmten Aachener Tuche und die zeitweise weltbekannte Stolberger Messingproduktion. Seit der französischen Besatzungszeit war die Region mit modernen Verwaltungsstrukturen versehen. Und schließlich ist auch noch die Nähe zum gewerblich fortgeschrittenen Lütticher Raum zu nennen. Nicht selten vermittelt durch französisches, wallonisches und englisches Know-how und Kapital entstand hier bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein frühindustrieller Komplex mit zahlreichen bedeutenden Unternehmen der deutschen Schwerindustrie. Dazu gehörten, um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen, die Firma 'Eberhard Hoesch und Söhne' aus Düren, die 'Phoenix, anonyme Gesellschaft für Berg- und Hüttenbetrieb', das aus dem Schleidener Tal stammende Röhrenwalzwerk Poensgen, sowie die 'Stolberger Spiegel-Manufaktur', die erste deutsche Niederlassung des französischen Glaskonzerns 'Compagnie de Saint-Gobain'.

Eine zusätzliche Dynamik erhielt diese Entwicklung noch durch den Bau der Rheinischen Eisenbahn im Jahr 1841, die als wirtschaftlicher Leitsektor zugleich eine Hochkonjunktur für Eisen und Stahl nach sich zog. Gerade diese Aufbruchstimmung blieb aber nicht ohne Folgen, als die etablierten Werke ihre bisherigen Abnehmer zu Gunsten des lukrativeren Eisenbahngeschäftes vernachlässigten. Drei Pionierunternehmen der rheinischen Frühindustrialisierung waren hiervon ganz besonders betroffen: Die 1838 von dem Belgier Pierre Pauwels und dem Aachener Hubert Jakob Talbot gegründete 'Eisenbahnwaggon-Bauanstalt Talbot', die 1830 gegründete Dampf- und Textilmaschinenfabrik 'Neuman und Esser' sowie die 1833 in Aachen etablierte älteste Dampfkesselfabrik Deutschlands 'Jacques Piedboeuf', deren Gründer ebenfalls dem belgischen Raum entstammte. Um unabhängig von Lieferengpässen und steigenden Preisen den Eigenbedarf zu decken, entschlossen sich die Besitzer kurzerhand, ein eigenes Walz- und Hammerwerk unter dem Namen 'Piedboef & Cie.' zu betreiben. Zu diesem Zweck wurde 1845 ein bei Aachen gelegenes Landgut erworben. Der Name des Landgutes lautete: Rothe Erde. Zwei Jahre später wurden hier die ersten Puddelöfen in Betrieb genommen. Verantwortlich für die Errichtung war der aus der Eupener Textilindustrie stammende Reiner Daelen. Nach seiner 'Lehrzeit' beim Dürener Walzwerk 'Lendersdorfer Hütte' von Eberhard Hoesch sollte die Einrichtung des Hüttenwerks von Rothe Erde nach belgischem Muster nun Daelens Meisterstück werden und seine glanzvolle Karriere beim Hörder Verein begründen.

Rothe Erde gab - und gibt - es also auch in Aachen. Doch wie gelangte sie nun nach Dortmund? Vermutlich wäre sie es gar nicht, hätten sich die Geschäfte nach den Vorstellungen der Unternehmensgründer entwickelt. Taten sie aber nicht. Bereits ein Jahr nach der Inbetriebstellung setzte die Revolution von 1848 den optimistischen Hoffnungen vorerst ein Ende. Aufträge platzten, Bestellungen der Eisenbahngesellschaften wurden nicht mehr abgenommen. Als schließlich auch noch die Piedboeufsche Waggonfabrik zeitweilig stillgelegt wurde, bedeutete dies auch schon wieder das Ende des Projektes. Dabei wäre es auch fast geblieben. Erst 1851, als die ersten lokalen Konkurrenten bereits daran dachten, Zweigwerke im Ruhrgebiet zu errichten, die sich schließlich zu Zentralen machtvoller Konzerne entwickeln sollten, wagte man den Neuanfang. Diesmal kam der Anstoß von außen. Neuer Geschäftsführer wurde 1851 der Kölner Unternehmer Carl Ruëtz (1822-1881), ein entfernter Verwandter des nordamerikanischen Zweiges der Mallinckrodts, nachdem er sich für 125 000 Preußische Thaler bei den alten Teilhabern eingekauft hatte.

Doch auch der Neubeginn stand unter keinem glücklichen Stern. Bereits drei Jahre nach der Wiederaufnahme des Betriebes verlor das Werk mit der Einführung eines Schutzzolles auf belgisches Roheisen seinen bis dahin bedeutendsten Standortvorteil. Als dann im Jahr 1860 die erste von Nordamerika ausgehende Wirtschaftskrise nach Deutschland übergriff, gerieten die Besitzer in Streit. Gegen den bereits etablierten Aachener Industrieadel hatte der 'Ausländer' Ruëtz keine Chance und zog es vor, freiwillig zu gehen. Doch bereits 1861 findet man ihn in Dortmund wieder: Als Käufer der ehemaligen Paulinenhütte, die 1856 aussichtsreich gestartet, dann aber im Verlauf der Krise von 1860 zusammengebrochen war. Der Name des neuen Unternehmens: "Kommanditgesellschaft Carl Ruëtz & Co. zur Rothen Erde". Über die Motive für die Bezeichnung läßt sich natürlich nur spekulieren. Zunächst einmal wird es Ruëtz natürlich darauf angekommen sein, durch die Beibehaltung des bekannten Namens die Beziehungen zu seinen alten Kunden aufrechtzuerhalten. Daß der Begriff auch in Dortmund sozusagen auf 'historischen' Boden fiel, war in diesem Zusammenhang wohl nur ein glücklicher Zufall. Eine Spitze gegen die ehemaligen Geschäftsfreunde wird die Namenswahl wohl ebenfalls beinhaltet haben. In Aachen jedenfalls kochte man vor Zorn über den vermeintlichen geistigen Diebstahl. Noch 1907 wurde der Namenstransfer in einer offiziellen Firmenfestschrift fälschlicherweise Rainer Daelen zugeschoben, dem man die Ehre wohl eher gönnte als dem geschaßten ehemaligen Direktor. Ändern konnte man allerdings nichts. Eine Antwort blieb trotzdem nicht aus. Anläßlich der Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1864 wurde die Firmenbezeichnung nun ebenfalls in Rothe Erde, genau genommen in 'Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde' geändert.

Zu weiteren Konfrontationen kam es jedoch nicht mehr. Dafür entwickelten sich die Hütten zu unterschiedlich. Zunächst einmal blieb Carl Ruëtz das Pech treu. Nach einem erfolgversprechenden Neubeginn in Dortmund - 1870/71 beschäftigte das Werk bereits rund 800 Arbeiter und Angestellte - erkrankte er schwer und war seit 1872 nahezu vollständig gelähmt. Als dann auch noch die Gründerkrise über das Werk hereinbrach, war das auch schon wieder der Anfang vom Ende. 1878, nur ein Jahr bevor die preußische Schutzzollgesetzgebung wieder etwas bessere Voraussetzungen für die deutsche Schwerindustrie schuf, gab Ruëtz auf. Er starb am 14.9.1881. Trotzdem war das noch nicht das Ende der Rothen Erde in Dortmund, im Gegenteil. Die Besitzverhältnisse veränderten sich, der Name aber blieb bestehen. 1880 erfolgte die Neugründung des Unternehmens als 'Aktiengesellschaft Eisenwerk Rothe Erde', die sich in den folgenden Jahren zu einem recht bedeutenden Unternehmen der Stahlerzeugung und Stahlverarbeitung entwickelte. 1916 wurde es von der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG übernommen, welche die Gesellschaft als Betriebsabteilung 'Rothe Erde der Dortmunder Union' weiterbetrieb. 1926 wurde diese dann in die Vereinigte Stahlwerke AG überführt. Inzwischen firmiert das Unternehmen als Maschinenbauanstalt 'Rothe Erde GmbH' des Thyssen-Krupp-Konzerns. Und mit dem Erfolg der Hütte wurde auch der Name immer populärer. Der Begriff war bekannt, rechtlich nicht zu schützen, und weckte zahlreiche Assoziationen, die mit der ursprünglichen Bedeutung schon bald nichts mehr gemein hatten. Am bekanntesten ist vielleicht noch die 1926 errichtete Arbeiterkampfbahn Rote Erde, bei deren Namensgebung sich der Architekt Hans Strobel allerdings schon wieder auf die vermeintliche Farbe der westfälischen Erde bezog.

Auch in Aachen wurde der Begriff Rothe Erde schon bald zum Inbegriff für eine ganzes Industrieviertel. Die weitere Geschichte der Hütte verlief jedoch wesentlich dynamischer als die der namensgleichen Konkurrenz in Dortmund. Nach der Einführung des Thomasverfahrens im Jahr 1880 unter dem Direktor Adolf Kirdorf, ein Bruder Emil Kirdorfs von der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien-Gesellschaft, nahm die Entwicklung hier einen selbst für deutsche Verhältnisse zeitweise außergewöhnlichen Verlauf. Die zuvor ungünstige geographische Randlage Aachens erwies sich nun als Standortvorteil. Aufgrund der Nähe zu den wichtigsten Erzlagerstätten des Zollvereins im lothringisch-luxemburgischen Minettegebiet konnte man das Roheisen nämlich wesentlich preiswerter beziehen als die Konkurrenz im weiter entfernten Ruhrgebiet. Außerdem war man hier Dank der Forschung an der erst kurz zuvor gegründeten Königlich Technischen Hochschule zu Aachen schon bald in der Lage, aus dem zuvor als minderwertig belächelten Thomasstahl Qualitätsware für höchste Ansprüche zu produzieren. Bereits zehn Jahre nach dem Erblasen der ersten Charge überschritt der Aachener Hütten-Aktien-Verein die Million-Tonnen Grenze an produzierten Rohstahlblöcken. Kein anderes deutsches Thomasstahlwerk hatte zu diesem Zeitpunkt eine solche Produktionsziffer erreicht!

Um sich von der Abhängigkeit der Roheisenproduzenten zu lösen, hatte Kirdorf bereits im Jahr 1892 im luxemburgischen Esch ein vollständiges Hochofenwerk mit umfangreichen Erzkonzession erworben. Weitere bedeutende Anlagen folgten im Jahr 1902 im kaum zwei Kilometer entfernten lothringischen Deutsch-Oth (Audun-le-Tiche). Nun fehlte zur vollständigen Autarkie nur noch die Kohle. Und genau hier trafen sich die Interessen des Aachener Hütten-Aktien-Vereins mit denen des bedeutendsten europäischen Zechenunternehmens, der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft. Zusammen mit dem Schalker Gruben- und Hütten-Verein gingen die Kirdorf-Brüder zum 1. Januar 1905 eine Interessengemeinschaft ein, die im Jahr 1907 schließlich in einer formalen Fusion unter dem Dach von Gelsenkirchen mündete. Das Ergebnis war das nach Krupp größte Industrieuntemehmen Deutschlands mit weitreichenden Synergieeffekten für alle Beteiligten. Den Hüttenbetrieben sicherte der Verbund ausreichend Brennmaterial, während Gelsenkirchen für einen großen Teil der Produktion regelmäßige Abnehmer fand. Der umfangreiche Erzbesitz, den Rothe Erde einbrachte, bildete hingegen die Grundlage für die Expansion der Hüttenabteilungen, die wiederum eine Maximierung der Kohlenförderung nach sich ziehen sollte.

Mit der Errichtung der nach den Kirdorf-Brüdern benannten Adolf-Emil Hütte wurde diese Planung dann erstmals realisiert. Die 1912 in Esch fertiggestellte Hütte galt als eine der modernsten Anlagen ihrer Zeit. Mit elf Hochöfen gehörte der Aachener Hütten-Aktien-Verein zusammen mit der einheimischen Arbed (15 Hochöfen) und der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG des Ruhrindustriellen Hugo Stinnes (9 Hochöfen) nunmehr auch zu den bedeutendsten Unternehmen der Schwerindustrie in Luxemburg. Auch diese Entwicklung blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Bezeichnung der unmittelbaren Umgebung der Hütten im südluxemburgischen Minettegebiet. Analog zur Entwicklung in Aachen und Dortmund wurden aufgrund des eisenhaltigen Bodens hier nun die 'Terres Rouges' zu einem allgemein akzeptierten Lokalbegriff. Nun gab es also drei Rot(h)e Erden. Weniger schmeichelhaft fiel übrigens die lëtzeburgische Bezeichnung für die Bergarbeiter aus, welche sich im Umfeld der Gruben und Hütten entlang der ehemaligen Bauerndörfer Esch, Dudelange und Differdange niederließen. Die 'Minettsdäpp' schufen zwar die Voraussetzung zum Aufstieg Luxemburgs zu einem der größten Stahlproduzenten Europas, doch ging ihr gesellschaftliches Prestige gegenüber der Verwaltungselite in der Hauptstadt auch nicht über jenes der Malocher im Ruhrgebiet hinaus.

Das ehemalige Verwaltungsgebäude des Hüttenwerks in Aachen-Rothe Erde (Foto: Dieter Kaspari-Küffen, 1991)

Im Gegensatz zur Dortmunder Hütte, die ja in gewisser Weise heute noch existiert, konnten die lange Zeit erfolgreicheren Aachener ihren Besitz jedoch nicht wahren. Der Grund dafür lag in den Folgen des verlorenen Weltkriegs. Die Gruben und Hüttenanlagen in Lothringen waren verloren gegangen, und schließlich trat auch noch Luxemburg aus dem Deutschen Zollverein aus, um sich zukünftig Belgien anzuschließen. Unter diesen Umständen entschloß sich Emil Kirdorf zu einem Ende mit Schrecken. Zum Entsetzen der gesamten deutschen Schwerindustrie wurde der Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde zur Jahreswende 1919/1920 an ein französisch-belgisch-luxemburgisches Konsortium unter Führung der Arbed und des bedeutendsten französischen Stahlproduzenten, Schneider-Le Creuzot, verkauft. Auch der Name dieses Unternehmens führte die gemeinsame Tradition der Schwerindustrie Luxemburgs und Aachens fort: Société Métallurgique des Terres Rouges. 1926 wurde sie im Zuge einer Bereinigung der Beteiligungsverhältnisse der Arbed nahezu vollständig von dem luxemburgischen Stahlkonzem absorbiert. Damit hatte die Arbed ihre Produktionskapazitäten noch einmal bedeutend ausgeweitet und einen weiteren entscheidenden Schritt zum Weltkonzern getan. Das Stammwerk in Aachen sollte diese Fusion allerdings nur wenige Monate überleben. Aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hatte es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nie mehr an die alten Erfolge anknüpfen können. Noch im gleichen Jahr wurde es im Rahmen eines Kompensationsgeschäftes der Arbed mit der Deutschen Rohstahlgemeinschaft geschlossen und demontiert.

Doch auch dies bedeutete noch nicht das letzte Kapitel in der Geschichte der Aachener Rothen Erde. In rund vierzig Betriebsjahren war ein Abfallprodukt des Thomasprozesses, die Thomasphosphatschlacke, zu einer gewaltigen Haldenlandschaft von zwei Millionen Kubikmetern aufgeschüttet worden. Ein findiger Geschäftsmann erwarb die bis zu 15 Meter hohen Schuttberge, um die Schlacke als 'Echte Aachener Rothe Erde' zu vermarkten. Sportplätze in ganz Europa, darunter die Laufbahnen und Tennenflächen der Olympiastadien von Berlin (1936) und München (1972), wurden in den folgenden Jahrzehnten mit der charakteristischen roten Asche des Aachener Stahlwerks belegt. Der vierfache Olympiasieger von 1936, Jesse Owens, schwärmte noch Jahrzehnte nach seinen historischen Siegen von der Qualität des Belags aus Aachen.

Auf die weitere Entwicklung des Werks hatte dies natürlich keinen Einfluß mehr. Während die Reviere in Luxemburg und Dortmund neuen Blütezeiten entgegenstrebten, war die Zeit der Expansion der Schwerindustrie im Aachener Raum, bis auf wenige Ausnahmen, vorbei. Bereits unmittelbar nach dem Entschluß zur Schließung begannen die Demontagearbeiten. So erinnert heute nur noch das ehemalige Verwaltungsgebäude bei der 'Rheinischen Eisenbahn' an die bedeutenden Impulse, die einmal von Aachen auf die Schwerindustrie an der Ruhr und in Luxemburg ausgingen.

Literatur:

  • Adolf-Emil-Hütte in Esch, Die, in: Stahl und Eisen 33. Jg. Nr 18, 1. Mai 1913, S. 713-745.
  • H. Becker, Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde bei Aachen. Festschrift für den 60jährigen Gedenktag der Inbetriebnahme seiner Werksanlagen. 1847-1907, Aachen 1907.
  • Félix Chomé, ARBED. Aciéries réunis de Burbach-Eich-Dudelange. Un demie-siècle d'histoire industrielle (1911-1964), [Luxembourg 1964].
  • Paul Emunds, Rauchfahnen - Streikfahnen - Staubfahnen auf Rothe Erde, über Eilendorf, Forst und Nirm (=Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte einer Arbeiterwohngemeinde, Bd. 2), Aachen 1989.
  • Michael Käding, Geschichte des Aachener Hütten-Aktien-Vereins Rothe Erde, in: Rohstoffbasis und Absatzmark. Die Schwerindustrie des Großherzogtums Luxemburg und das Aachener Revier (=Aachener Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 2, hg. von Paul Thomes), Aachen 2005, S. 83-142.
  • Monique Kieffer, La reprise du potentiel industriel de la société Gelsenkirchen et la constitution du groupe Arbed-Terres Rouges (1919-1926), in: Les Années Trente, base de L'évolution économique, politique et sociale du Luxembourg d'après-guerre? Actes du Colloque de l'A.L.E.H. du 27-28 octobre 1995, edité par Michel Polfer, Luxembourg 1996 (=Beiheft zu Hémecht).
  • Katrin Pinetzki, R wie Rote Erde, in: Süddeutsche Zeitung, Nordrhein-Westfalen-Ausgabe vom 2. November 2002, S. 52.
  • Wilhelm Rabius, Der Aachener Hütten-Aktien-Verein in Rote [sic!] Erde. 1846-1906. Die Entstehung und Entwicklung eines rheinischen Hüttenwerks, Jena 1906.
  • Rothe Erde, gestern, heute und morgen, hg. vom Eisenwerk Rothe Erde GmbH, Dortmund 1950.
  • Hans Strobel, Die Dortmunder Kampfbahn 'Rothe Erde', in: Bauwelt. Zeitschrift für das gesamte Bauwesen, Heft 33 (1926).

(Die vollständige Version dieses Artikels mit Fußnoten sowie die 'Geschichte des Aachener Hütten-Aktien-Vereins Rothe Erde' ist ed. in: Rohstoffbasis und Absatzmarkt. Die Schwerindustrie des Großherzogtums Luxemburg und das Aachener Revier (=Aachener Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 2, hg. von Paul Thomes), Aachen 2005, S. 13-20.)