Artikel

Der Vichttalplan des Egidius von Walschaple 1548

von Klaus Ricking

Die Auseinandersetzungen um die Verlehnung eines Mühlenhammers 1506 im Tal der Vicht bildete den Ausgangspunkt eines langwierigen Streites um Landbesitz, Wasser- und sonstige Nutzungrsrechte zwischen den Herren von Stolberg auf der einen und den Reichsäbten von Kornelimünster auf der anderen Seite. Nachdem die lokale Gerichtsbarkeit den Rechtsstreit nicht beilegen konnte, gelangten die gerichtlichen Auseinandersetzungen schließlich vor das Reichskammergericht nach Speyer. Gericht und Streitfall verdankt eine farbige, in ihren Ausmaßen von ca. 40 x 460 cm ungewöhnliche Karte des Vichttales ihre Entstehung. Sie ist zugleich eine der frühesten bildlichen Darstellung Stolbergs.

Der Vichttalplan des Egidius von Walschaple von 1548.

Im Jahre 1496 gaben Wilhelm IV, Herzog von Jülich und Berg, und seine Gemahlin Sibilla von Brandenburg ihrem lieben Diener und Hausgenossen Vinzenz von Efferen Schloß und Herrlichkeit Stolberg zu erblichem Lehen. Die Burg und die wenigen Gebäude des kleinen Ortes Stolberg lagen auf der rechten Uferseite der Vicht. Für mehr als anderthalb Jahrhunderte stellte das Geschlecht derer von Efferen die Herren über Stolberg. Auf der linken Seite des Vichtbaches grenzte das zum Herzogtum Jülich gehörende Stolberger Gebiet unmittelbar an die Ländereien und Besitzungen der Reichsabtei Kornelimünster. 1497 verlieh der neue Stolberger Burgherr einen oberhalb der Burg und auf der linken Vichtseite gelegenen Mühlenhammer an den Aachener Kupfermeister Heinrich Dollart. Nach diesem Kupfermeister hieß jener Mühlenhammer zukünftig Dollartshammer. Der Kupfermeister sollte dort gegen eine jährliche Abgabe Eisen, Kupfer, Blei, Gold und Silber verhütten. Diese Verlehnung des Dollartshammer wurde im Jahre 1506 der Ausgangspunkt eines langwierigen Streites um Landbesitz, Wasser- und sonstige Nutzungrsrechte zwischen den Herren von Stolberg und ihren Erben auf der einen und den Reichsäbten von Kornelimünster auf der anderen Seite. Nachdem die lokale Gerichtsbarkeit den Rechtsstreit zwischen den Parteien nicht beilegen konnte, gelangten die gerichtlichen Auseinandersetzungen im Jahre 1539 schließlich vor das Reichskammergericht nach Speyer. Diesem Reichskammergericht verdankt eine farbige, in ihren Ausmaßen von ca. 40 x 460 cm ungewöhnliche Karte des Vichttales ihre Entstehung.

Fernab vom Ort des Streites und gänzlich unvertraut mit den lokalen Gegebenheiten des Vichttals, beauftragte und verpflichtete das Reichskammergericht am 4. September 1548 den ansonsten nicht näher bekannten ehrbaren und frommen Malermeister Egidius von Walschaple, nach der Besichtigung des Vichttales unter Zeugen alles für beide Seiten getreulich und wahr aufzuzeichnen, was er zwischen dem Finkensief und dem Zusammenfluß von Vicht und Inde im Schnorrenfeld vorfände. Wenn das Reichskammergericht in Speyer auf diese Weise auch für die früheste, heute bekannte Darstellung von Stolberg sorgte, so scheint dieses Verfahren der Richter, sich ein Bild von den jeweils lokalen Zuständen zu verschaffen, dennoch so ungewöhnlich nicht gewesen zu sein: Bereits 1536 findet sich in den Akten des Reichskammergerichts eine farbige Kartenzeichnung Lauf der Wurm im Gebiet der Herrschaft Burtscheid und des Aachener Reichs mit den daran befindlichen Mühlengebäuden (Hauptsstaatsarchiv Düsseldorf, Karten 9087, 166x135 cm)

Die Karte des Egidius von Walschaple zeigt von links nach rechts den Verlauf der Vicht vom heutigen Stolberger Bauschenberg bis zum (damaligen) Zusammenfluß von Vicht und Inde im Schnorrenfeld. Die Beschriftung der Karte beschränkt sich auf die vom Maler als wesentlich angesehenen geographischen Orientierungspunkte, auf territoriale Zuordnungen und auf Angaben, die im Zusammenhang mit Nutzungsrechten von Bedeutung sind. Die Vicht scheidet im wesentlichen zwei Territorien. Links der Vicht sind die bewaldeten Höhenzüge als zur Reichsabtei Kornelimünster (Munsters) gehörend gekennzeichnet. Rechts der Vicht, also im Bildvordergrund, finden sich Angaben wie Nothberger Herrlichkeit oder Eschweiler Herrlichkeit, die Territorien des Herzog von Jülich kennzeichnen. Links, vor dem Bauschenberg, ist der Zulauf der Finkensief zu sehen. Als offenkundige Landmarke ist die krumme Eich eingezeichnet. Dem Verlauf des Vichtbaches folgend, findet sich ein Stauwehr oder Schleuse, Die Erck genannt, und etwas weiter der Gebäudekomplex des Dollartshammers. Zwischen den Gebäuden ist ein Teil des Mühlenrades zu sehen. Rechts dahinter der Mühlenteich, der die kontinuierliche Wasserversorgung des Dollartshammers garantierte. Rechts oberhalb des Mühlenteiches findet sich mit der Bezeichnung Die Steinkyl ein erster Hinweis auf bergbauliche Aktivitäten. Auf der gegenüberliegenden Seite der Vicht befinden sich Burg, Kirche und ca. ein Dutzend Häuser des Ortes Stolberg. Dieser Teil der kolorierten Zeichnung ist auf einem separaten Blatt angefertigt und anschließend auf dem Kopf stehend auf den Vichttalplan aufgeklebt. Unterhalb des Burgfelsens führt eine Brücke über die Vicht. Im weiteren Verlauf des Flusses sind links der Vicht Wiesen (Prata, Benden) und Niederwald (Kleinhauholz) zu sehen. Am Berghang unterhalb der Kolkuyl (Kohlenabbau) sieht man Reisigbündel liegen, wahrscheinlich sogenannte Schanzen, die zum Anheizen der (Frisch- und Hoch-)Öfen verwendet wurden. Gestapelte Reisigbündel finden sich auch rechts neben der Ellermühle. Wie schon vor dem Dollartshammer regelt auch vor der Ellermühle ein Wehr (Arck) den Wasserzulauf. Links hinter dem Mühlengebäude ist ein oberschlächtiges Wasserrad zu erkennen, hinter der Mühle Hochwald, der sich offenkundig im Besitz derer von Efferen befindet (Etlich Großholz Efferen zugehörig). Rechts oberhalb der Mühle im Hintergrund sieht man Münsters Busch. Der Name sagt, was es ist: Wald bei der Abtei Kornelimünster. Die letzte Mühle auf dem Vichttalplan ist die Ravensmühle (Ravens Jans Mühle), die alte, 1532 gegründete Veldtmühle. Vor dem Mühlengebäude sehen wir auch hier ein oberschlächtiges Mühlenrad und eine hier nicht ausdrücklich als solche bezeichnete Schleuse. Der mehr als viereinhalb Meter lange Plan endet beim Zusammenfluß von Vicht und Inde (Hier fließt die Vicht in die Inde) im Schnorrenfeld. In diesem Bereich ist der Plan besonders stark beschädigt.

Der Blick des Betrachters geht über die Vicht in Richtung Westen auf die bewaldeten Höhen in Richtung des heutigen Büsbach und Fettberg. Auffallend sind die drei Mühlen Dollartshammer, Ellermühle und Ravensmühle mit ihren jeweiligen Mühlenteichen. Neben zwei Wehren bzw. Schleusen (Erck, Arck), finden sich Hinweise auf Waldnutzung (Großholz, Kleinhauholz), auf Land- und Wiesennutzung (Prata, Benden, Bendgen, Land) und zwei Hinweise auf bergbauliche Aktivitäten links der Vicht (Steinkyl, Kolkuyl). Auch wenn der Vichttalplan die älteste Darstellung Stolbergs ist, so darf er dennoch nicht als topographische Darstellung betrachtet werden, wie man sie etwa ein Jahrhundert später von Merian kennt. Der Maler Egidius von Walschaple wollte und sollte keine stimmungsvolle Stadtansicht zeichnen. Er hatte einen Situationsplan zu erstellen. Dieses ist zu berücksichtigen, wenn man den Plan betrachtet. Man kann keinesfalls davon ausgehen, mit dem Plan ein genaues topografisches Bild des damaligen Stolberger Vichttales zu erhalten. Die Topografie fand nur soweit Eingang in den Plan, als sie für die rechtliche Beurteilung im Rahmen eines Prozesses vor dem Reichskammergericht relevant erschien. Geographische oder topographische Besonderheiten dienten allein der Orientierung. Der Plan zeigt keine Landschaft, sondern Wälder, Wiesen und Gewässer, die genutzt wurden und auf denen Rechte lagen. Es geht im Vichttalplan nicht so sehr um die korrekte Anzahl der Häuser, sondern um die korrekte Darstellung von Rechten und ihrer Nutzung. Nichts auf diesem Plan ist zufällig, kein Detail dient ästhetischen Zwecken. Genauigkeit ist gefragt, nicht Schönheit.

Im Jahre 1506 begann ein 150 Jahre währender Streit zwischen den Stolberger Burgherrn und den Äbten von Kornelimünster. Burg und offenkundig auch die meisten Häuser und Gebäude des Fleckens Stolberg befanden sich rechts der Vicht. Wie der Plan von 1548 aber auch verdeutlicht, reklamierte Vinzenz von Efferen den überwiegenden Teil des links der Vicht dargestellten Landes für seine Unterherrschaft. Auf der linken Uferseite hatte Vinzenz den nach dem Kupfermeister Heinrich Dollart benannte Dollartshammer verlehnt. Dieses sei bereits ein Unrecht gewesen und ebenso, daß Vinzenz eine Brücke, ein Wehr bzw. einen Mühlengraben mit Schleusen auf dem Land der Abtei habe graben lassen. Vinzenz maße sich zudem auf klösterlichem Land Gerichtsrechte an, lasse seine Schweine widerrechtlich in den klösterlichen Wald treiben und okkupiere ebenfalls klösterliche Fischereirechte. So klar gegeneinander abgegrenzt scheinen die genauen Besitz- und Nutzungsansprüche nicht gewesen zu sein. Denn auf dem linken Vichtufer gab es auch nicht bezweifelte Rechte und Nutzungen der Stolberger Burgherren und ihrer Untertanen. Diese Situation hatte Egidius von Walschaple im September 1548 in seinem Plan darzustellen. Zeugen hatten die Exaktheit seiner Zeichnung dem Reichskammergericht zu bestätigen.

Insofern stellt der hier abgedruckte und im Museum Zinkhütter Hof in Originalgröße reproduzierte und ausgestellte Vichttalplan von 1548 eine bedeutsame Quelle und eine sehr genaue Situationsaufnahme jenes Teils des Vichttales dar, der heute das Zentrum der Stadt Stolberg bildet.

(Der Vichttalplan wird im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf unter der Signatur "Karten 5673" aufbewahrt.)

Weiterführende Literatur:

  • Antweiler, Wolfgang u. Brigitte Kasten: Reichskammergericht Teil 2ff., Das Hauptstaatsarchiv Düsseldorf und seine Bestände. Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen Reihe A, Siegburg 1988ff.
  • Frentz, Willi (unter Verwendung des Nachlasses von Franz Willems): Stolberger Burgherren aus dem Geschlecht Overstolz-Efferen. Teil 11: Die Burgherren Vinzenz, Hieronymus, Johann und Johann Dietrich von Efferen, insbesondere ihr Leben und Wirken in Stolberg (1496-1649). Beiträge zur Stolberger Geschichte Bd. 5, Stolberg 1993
  • Hashagen Justus und Fritz Brüggemann: Geschichte der Familie Hoesch, Bd. 2, Köln 1916
  • Offergeld-Thelen, Beate: Die Entwicklung der Ortsgemeinde Stolberg unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zur Unterherrschaft Stolberg. Diss. Bonn 1983
  • Schleicher, Karl: Geschichte der Stolberger Messingindustrie. 2. Aufl., Stolberg 1974

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um den unveränderten Nachdruck aus: Der Vichttalplan des Egidius von Walschaple von 1548 (=Hauptsstaatsarchiv Düsseldorf, Karten 5673), hrsg. v. Klaus Ricking, Schriften des Museums Zinkhütter Hof, 2, o.O. o.J. [Stolberg 1996]

Der Abdruck des Textes erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Museums Zinkhütter Hof in Stolberg, der Abdruck der Kartenausschnitte mit Genehmigung des Hauptstaatsarchivs Düsseldorf.