Rezensionen

Thomas Urban: Zwangsarbeit bei Thyssen. "Stahlverein" und "Baron-Konzern" im Zweiten Weltkrieg

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Binner, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Celle

Die Welle der Forschungen zur Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg ist mittlerweile am Abebben. Stattdessen macht sich angesichts manch eines voluminösen Werkes Skepsis breit, ob der wissenschaftliche Ertrag es rechtfertigt, jede Firma und jede Branche detailliert zu untersuchen. Vielmehr wäre inzwischen eine Synthese an der Zeit, die im Anschluss an die grundlegenden Studien von Ulrich Herbert und Mark Spoerer[1] versucht, den Effekt des Phänomens Zwangsarbeit auf die Entwicklung der nationalsozialistischen Herrschaft während der Kriegsjahre einzuordnen. Dass es aber immer noch durchaus lohnend sein kann, Einzeluntersuchungen zu erstellen, zeigt der Band von Thomas Urban über Zwangsarbeit bei Thyssen im Zweiten Weltkrieg, der aus dem innovativen Projekt „Die Unternehmerfamilie Thyssen im 20. Jahrhundert“ hervorgegangen ist, bei dem „kulturwissenschaftlich inspirierte [...] Familiengeschichte“ (S. 7) und eine zeitgemäße unternehmensgeschichtliche Sicht verknüpft wurden. Dass die Untersuchung derart ertragreich ist, ergibt sich zunächst aus dem Untersuchungsgegenstand, der über die Vielfalt der zu untersuchenden Betriebe nicht nur eine vergleichende Perspektive nahelegt, sondern über die Besonderheiten der Unternehmensführung auch die Frage nach dem Spielraum unternehmerischen Handelns in der nationalsozialistischen Diktatur aufdrängt.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert. Auf die Einführung, die sich vor allem der Charakterisierung der untersuchten Betriebe und der Besonderheiten der personellen Führung der Unternehmensteile widmet, folgt der Hauptteil, in dem die spezifischen Bedingungen in den schwerindustriellen Werken des „Stahlverein“-Komplexes (August Thyssen-Hütte AG und Werk Thyssen Mühlheim), den Schiffbaubetrieben des „Baron-Konzerns“ (Bremer Vulkan AG und Flensburger Schiffsbau-Gesellschaft) und des ebenso zum „Baron-Konzern“ zählenden Bergbauunternehmens Gewerkschaft Walsum untersucht werden. Der dritte Teil ist kürzer, aber ebenso zentral, beschreibt er doch die Handlungsspielräume der betrieblichen Akteure im Lager- und Arbeitsalltag. Im vierten Teil wird knapp die Bedeutung der Zwangsarbeit in den Entnazifizierungsverfahren geschildert und der fünfte Teil widmet sich zusammenfassend der Einschätzung des Handelns der Thyssen-Akteure unter den damaligen Umständen.

Die Voraussetzungen in den Unternehmensteilen waren bemerkenswert unterschiedlich. Der „Stahlverein“ gehörte zur Erbmasse von Fritz Thyssen, der nach seinem Bruch mit dem Nationalsozialismus bei Kriegsbeginn enteignet wurde. Dementsprechend lag hier seit diesem Einschnitt die Verantwortung stärker auf den einzelnen Betriebsführern, die mit dem Staat als Miteigentümer rechnen mussten und davon ausgingen, dass sie als Beschäftigte in ehemaligen Betrieben eines Regimegegners unter besonderer Beobachtung standen. Der sogenannte Baron-Konzern dagegen, der Erbteil von Heinrich von Thyssen-Bornemisza, wurde von der Schweiz aus gelenkt und war damit dem direkten Zugriff des deutschen Staates entzogen.

Diese Besonderheiten in der Unternehmensführung im Zusammenhang mit den Spezifika der Betriebe und ihrer verschiedenen Branchen geben eine gute Folie für vergleichende Betrachtungen ab. Eingeschränkt wird diese Möglichkeit durch die disparate und lückenhafte Quellenlage, die aufgrund des Fehlens einer zentralen Überlieferung eine breit angelegte Recherche in insgesamt 22 Archiven notwendig machte. Die Werke des „Stahlvereins“ folgten den typischen Wellen der Schwerindustrie beim Einsatz von Zwangsarbeitern. Er kam erst mit dem sogenannten „Russeneinsatz“ – also der Beschäftigung von zunächst sowjetischen Kriegsgefangenen und später auch Zivilarbeiterinnen und Zivilarbeitern aus der Sowjetunion – richtig in Schwung. Erst dieser massive Einsatz von Zwangsarbeit ermöglichte es, dass die Stärke der Belegschaft nicht nur gehalten, sondern sogar ausgeweitet werden konnte – ebenso, wie die Erzeugung von Roheisen und -stahl 1942/43 ihren Höhepunkt erreichte. Entscheidend für die Zuteilung ausländischer Arbeitskräfte war dabei der Anteil von rüstungsnahen Produkten. Diese Verteilungskämpfe um das „Menschenmaterial“ (S. 56) lassen sich gut an der Schwerindustrie im Ruhrgebiet aufzeigen, die entscheidend für die Fortsetzung des Krieges war. Es ging darum, die zur Wehrmacht eingezogenen deutschen Arbeitskräfte möglichst gleichwertig ersetzen können, und dabei spielten Einschätzungen der verschiedenen Gruppen von Ausländern eine Rolle, die nicht nur an deren Fähigkeiten orientiert waren, sondern denen auch rassistische ideologische Wertungen zugrunde lagen. Daneben zeigen die diversen Schriftwechsel, dass man auch in höchsten Firmenkreisen durchaus darüber informiert war, dass bei Menschen aus der Sowjetunion aufgrund ihrer Behandlung mit einer geringeren körperlichen Leistungsfähigkeit gerechnet werden musste. Man war bei den Thyssen-Werken des „Stahlvereins“ grundsätzlich bereit, KZ-Häftlinge einzusetzen; nur pragmatische Gründe und bessere Alternativen waren der Grund, dass es nicht dazu kam.

Die behandelten Schiffsbaubetriebe in Bremen und Flensburg zeigen widersprüchliche Zielsetzungen der beteiligten Stellen, aber auch die Flexibilität des Systems, nachdem der Beschluss zum Einsatz von Zwangsarbeit grundsätzlich gefallen war. Beim Bremer Vulkan ging es um die Produktion hochsensibler Rüstungsgüter wie U-Boote. Dadurch war zum einen die Stammbelegschaft vergleichsweise lange vor großangelegten Einberufungen geschützt, zum anderen zögerte man wegen vermuteter Spionage- und Sabotagegefahr damit, Menschen aus anderen Ländern dort einzusetzen. Symptomatisch dafür ist, dass die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen in der Maschinenbauabteilung des Bremer Vulkan in einem Käfig innerhalb der Schlosserei arbeiten mussten. Wenn der Anteil der ausländischen Zwangsarbeiter auf den Werften verglichen mit der Stahlindustrie auch durchgängig niedriger blieb, ermöglichten sie auch dort nicht nur den Ausgleich der personellen Abgänge, sondern ebenfalls eine Ausweitung der Zahl der Beschäftigten.

Das erst seit 1936 produzierende Bergwerk Walsum wiederum verdeutlicht trotz einiger Sonderfaktoren gut die Situation im Bergbau, wo eine standesbewusste Stammbelegschaft sich lange gegen den großflächigen Einsatz von Ausländern wehrte. Als man diesen Widerstand schließlich aufgab, wurden vor allem sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt, die bei der schweren Handarbeit unter Tage von deutschen Hauern überwacht wurden. Gerade Walsum entwickelte sich „zu einer regelrechten Ausländerzeche“ (S. 103), mit einem Ausländeranteil von knapp 70 Prozent. Sowjetische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter machten dabei bis zu 60 Prozent der Belegschaft aus. Nur dadurch war der starke Ausbau der Belegschaft von 900 im Jahr 1938 auf knapp 2.900 im Jahr 1942 möglich.

Insgesamt bilanziert Urban in Übereinstimmung mit der allgemeinen Forschung, dass die Sterblichkeit unter osteuropäischen Zwangsarbeitern – und unter ihnen noch einmal gesteigert bei den sowjetischen Kriegsgefangenen – deutlich höher war, als unter westeuropäischen. An dem konkreten Beispiel des niederländischen Schlossers Klaas Touber zeigt er aber, dass auch diese Arbeiter Repressionen und Gewalt zu erwarten hatten, wenn sie ihre untergeordnete Stellung nicht beachteten. Touber hatte sich gewehrt, nachdem ein deutscher Arbeiter ihn aus der Warteschlange in der Kantine der Bremer Vulkan-Werft gedrängt hatte. Die daraus entstehende Schlägerei wurde vom Werkschutz beendet und Touber als Rädelsführer von der Gestapo in das Arbeitserziehungslager Bremen-Farge eingewiesen. Als er nach acht Wochen an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, wog er nur noch 40 Kilogramm.

Urban zeigt an verschiedenen Beispielen auf, dass für die Deutschen in den Betrieben, gleich welche Position sie einnahmen, durchaus Handlungsspielräume bei der Behandlung der verschiedenen Gruppen von Ausländern bestanden. Dies war vor allem bei der Sicherstellung der Grundbedürfnisse wie Ernährung, Unterkunft und arbeitsgerechte Bekleidung von Belang. Zunehmend wurde auch der Luftschutz ein überlebenswichtiger Faktor. Hier blieb die von oben vorgegebene rassistische Hierarchie handlungsleitend, sodass Arbeitskräften aus der Sowjetunion seltener Hilfe zuteilwurde als denen aus westlichen Ländern.

Im Kapitel über die Entnazifizierung schildert Urban die „geradezu bizarre[n] Züge“ (S. 148) von Verfahren gegen Angehörige des ehemaligen Lagerpersonals. Ausgangspunkt waren von Thyssen selbst initiierte Vernehmungen jener Initiatoren und Exekutoren von „Aufsicht“, Bestrafung und Exzess. Im Ergebnis wurden die zahllosen Misshandlungen und Gewalttaten als angemessen beurteilt, da sich unter den Zwangsarbeitern „Arbeitsscheue“, „Verbrechernaturen“ oder „asoziale Elemente“ befunden hätten (S. 150). Letztendlich wurden viele jener Täter in die Kategorie IV der bloßen Anhänger des Nationalsozialismus eingestuft. Auch von den Führungskräften der verschiedenen Werke wurde niemand empfindlich bestraft, sowohl Amerikaner als auch Briten schätzten dagegen ihre Sachkunde und setzten sie bald wieder in verantwortliche Positionen ein. Dass ein grundlegender Gesinnungswandel nicht stattgefunden hatte, zeigen auch die bereits im August 1945 durch den neuen Vorstandsvorsitzenden der August Thyssen-Hütte AG, Eduard Herzog, erarbeiteten „Grundsätze für die politische Reinigung der Betriebe“, in denen Gewalttaten gegenüber Zwangsarbeitern mit „dem häufig herausfordernden Verhalten der Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter“ (S. 146) gerechtfertigt und nicht voraussetzungslos als Grund für eine Entlassung oder Zurückstufung eingestuft wurden.

In dem Fazit zu den Verantwortlichkeiten der leitenden Thyssen-Akteure wägt Urban umsichtig ab und kommt dennoch zu eindeutigen Urteilen. So hätten Thyssen-Bornemisza und sein Vertrauter Wilhelm Roelen zwar keinen so aggressiven Expansionsdrang bewiesen wie etwa Friedrich Flick und auch symbolträchtige Auftritte mit den Größen des Regimes vermieden, andererseits seien sie aber auch jeder Konfrontation ausgewichen und hätten sich bereitwillig am Aufrüstungskurs und der Kriegsproduktion beteiligt, um das Bestehen und die Ausweitung ihrer Werke zu sichern. Letztlich standen bei ihnen und auch bei ihren Untergebenen fast immer Interessen der Aufrechterhaltung der Produktion höher als Bemühungen zur Linderung des Leides der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Urbans sorgfältig gearbeitete Studie zeigt in vergleichender Perspektive, dass spätestens seit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 Zwangsarbeit als Allheilmittel zur Linderung wirtschaftlicher Zwangslagen galt. Gleichzeitig führten spezifische Probleme auch zu unterschiedlichen Lösungen. Die Werft in Flensburg setzt zunächst auf freiwillige Anwerbungen in Dänemark, da sie nach Kriegsbeginn aufgrund der Grenznähe von der Zuteilung ausländischer Arbeitskräfte ausgeschlossen ist. Das Bergwerk Walsum verhält sich anfangs zögerlich, entwickelt sich dann aber zu einem Betrieb, in dem mehr russisch als deutsch gesprochen wird. Auf diese Art lassen sich jeweils unterschiedliche Entwicklungen feststellen, denen gemein ist, dass der bedenkenlose Einsatz ausländischer Zwangsarbeit zunehmend in strategische Planungen und betriebswirtschaftliche Kalkulationen integriert wird. Die Menschen aus ganz Europa werden in dieser Denkweise zu Produktionsfaktoren ohne berechtigte Eigeninteressen und so häufig zu Opfern bewusst diskriminierender Arbeits- und Lebensumstände.

Anmerkung:
[1] Vgl. Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Berlin 1985; Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Dritten Reich und im besetzten Europa 1939-1945, Stuttgart 2001.


Jens Binner: Rezension zu: Urban, Thomas: Zwangsarbeit bei Thyssen. "Stahlverein" und "Baron-Konzern" im Zweiten Weltkrieg. Paderborn 2014 , in: H-Soz-Kult, 15.07.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22607>.

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